Juana Córdova

 

 

 

 

 

 

 

 

»quina« 2011
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Das streng geheime Leben der Pflanzen

Dieser Katalog enthält die Arbeiten der Künstlerin Juana Cordova der fünf letzten Jahre. Es geht um eine Zeit, in der sich die unterschiedlichen Interessen ihrer künstlerischen Karriere zu einer Erfahrung kristallisiert haben, die sie eindeutig zu den interessantesten Künstlerinnen und Künstlern Ecuadors macht.   

 

Hauptanliegen ihrer künstlerischen Arbeit war während dieser Zeit das ständige Interesse für die Natur, die in ihrem Portefeuille in zweierlei Ausprägungen wieder zu finden ist: Einerseits die Reproduktion oder der wiederholte Einsatz verschiedener Formen der organischen Welt und ihre Neuverbindung zur Erzielung hoher bildnerischer Werte wie bei ihren Arbeiten mit Knochen, und andererseits und im Kontrast dazu, der Hinweis auf das Ungleichgewicht in unserer heutigen Zeit, das in den kritischen Arbeiten über kosmetische Schönheit und Arzneimittelmissbrauch zum Ausdruck kommen. Diese Dichotomie des Natürlichen-Künstlichen war schon in früheren Arbeiten zu erkennen und ist auch wieder in der hier vorgestellten jüngsten Arbeit präsent.

 

Auch die “Handarbeitskomponente“, die bei der formalen Herstellung ihrer Werke brilliert, ist ein konstanter Faktor, der in diesem Fall allerhöchste Feinheit und Zartheit erreicht. Diese Zeit erneuerter Subtilität geht von der Arbeit Botica (Apotheke) (2007) aus. Sie gilt heute schon als “Klassiker” der zeitgenössischen ecuadorianischen Kunst. Dieses zerbrechliche Werk, das einen Heilkräutergarten darstellt, zieht historische Verbindungen zur Vergangenheit und zu Vorstellungswelten, die von den Orten, wo es ausgestellt wurde, belebt werden. Die erste Ausstellung fand im Museo de la Ciudad in Quito statt (ein Bau, der in der Kolonialzeit als Krankenhaus diente und selbst einen Heilkräutergarten hatte). Die zweite im Museo de la Conceptas in Cuenca (ein Gebäude, das früher einmal die Krankenstation der Nonnen war). Die Installation verweist uns nicht nur auf die alten Heilkräuter und ihren Einsatz in der Pharmazeutik, sondern auch auf das – unterbrochene oder bedrohte – überlieferte Wissen, das sie begleitet. 

 

Ihre feine, sehr arbeitsaufwendige Arbeit mit feinstem Papier kann, wenn man Handarbeit als von Generation zu Generation überlieferte Tradition versteht, als Anspielung auf die Heilkunst gesehen werden, deren Wissen verloren, verleugnet, von anderen Heilmethoden verdrängt worden ist. Eine Heilkunst, die zwar der schwindelerregenden Geschwindigkeit unseres heutigen Lebens zu entsprechen scheint, aber doch als weniger menschlich und eher künstlich wahrgenommen werden. Gleichzeitig können wir das Werk mit den kulturellen „Wurzeln“ assoziieren, diesen wenigen Überbleibseln aus der Vergangenheit, die noch wie Gespenster in der lokalen Identität herumgeistern. 

 

Diese Arbeit, die so poetisch vom Gestern spricht, kann ebenso gut als beredter Kommentar der Gegenwart verstanden werden. Wir müssen nur an die Patente denken, die die Pharmaindustrie sich für derartige Pflanzen zu sichern versucht. Die peinlich genaue Reproduktion jeder Pflanze mit allen Details, die geordnete Taxonomie, die die Künstlerin in ihrer fotografischen Klassifizierung erreicht hat (und die uns auf die botanischen Expeditionen der Spanier im 18. Jahrhundert verweist, bei denen die pflanzlichen Ressourcen der Überseegebiete inventarisiert werden sollten), zeigen außerdem einen Archivierungsdrang im Sinne Derridas: “ein unaufhaltbarer Wunsch zum Ursprung zurückzukehren, eine Sehnsucht nach dem Heim, eine Sehnsucht, zum archaischsten Ort des absoluten Anfangs zurückzukehren”.1

Cordova hat sich für eine peinlich genaue Reproduktion jeder Pflanzenart entschieden. Auch wenn sie in ihrer Arbeit “Botica” jede nach ihrem natürlichen Vorbild modelliert hat, ist sie bei der Serie  Plantas Venenosas (2011) (Giftige Pflanzen), der konzeptuellen Antithese, eher wissenschaftlich vorgegangen. Schierling, Tollkirsche, Rizinus,  Paternostererbse und Oleander sind alle anhand von botanischen Zeichnungen entstanden, die jede einzelne Art in ihren Entwicklungsphasen mit Samen, Früchten und Blüten darstellen. 

 

Die Experimentiermöglichkeiten, die sich der Künstlerin durch diese Welt eröffneten, haben zu neuen Erkundungen geführt, die wie in der Installation Erythroxylum coca (2010) soziale Konflikte kritisch kommentieren. Jedes kleine Blatt der fünf Pflanzen, die scheinbar in kleine Kokainhäufchen gepflanzt sind, ist aus unterschiedlich großen US-amerikanischen Banknoten  hergestellt. Dasselbe gilt für die kleinen Blüten, die aus entsprechend gestanzten Münzen gestaltet wurden. So stellt die Künstlerin eine enge Beziehung zu dem Gewinn her, der den Drogenhandel florieren lässt. Aber die Künstlerin versucht noch einen Schritt weiterzugehen, und die Oberflächlichkeit dieses Problems zu durchbrechen, um Parallelen zwischen dem alten - und heute noch bestehenden – Ritual um die Pflanze und ihrer Pervertierung als Droge in der heutigen Zeit und entsprechenden Verteufelung durch die Medien aufzuzeichnen. Das lässt uns an den Wert der Kokablätter und ihre Verwendung als altes Zahlungsmittel in den Anden denken. Die Arbeit  Vivero (Gärtnerei) (2011),  bestehend aus einer großen Anzahl von Kokasprösslingen, kann uns auch auf die Technifizierung verweisen, die hinter der Industrialisierung steht, die diese jahrhundertealte Ordnung aus dem Gleichgewicht gebracht hat. 

 

In anderen Werken wie Quina (Chinin) (2008) reproduziert Cordova diese, ebenfalls aus Südamerika stammende Pflanze in Silber. Sie wurde früher von den Europäern zur Bekämpfung der tödlichen Malaria gehandelt,  was wegen der übermäßigen Ausbeutung großen Schaden in ihrem natürlichen Habitat angerichtet hat. Ihre historische Rolle ist sowohl von der Übertreibung ihrer Heilkraft, als auch den obskuren Machenschaften der Kolonialzeit geprägt, denn nur so konnte Europa noch entschlossener in Afrika einfallen.  

 

Mit demselben Edelmetall reproduzierte Cordova eine Aloe-Pflanze für ihre Installation Lugar Protegido (Geschützter Ort) (2008). Hier geht es um die übernatürlichen Eigenschaften, die Pflanzen wie dieser in der Kosmovision der großen amerikanischen Völker zugewiesen werden. Etwas Ähnliches können wir über die Pilze sagen, die aus konvexen runden Spiegeln angefertigt und zur Installation Blindspot Fields Forever (2011) wurden.  Der Titel erinnert uns sofort an die halluzinogenen Eigenschaften dieser Organismen, die eine enge Gemeinschaft mit der Natur herstellen, und wieder auf die Konfliktzone verweisen, in der die künstliche Synthese gewisser Substanzen ins Illegale und Verbotene führt und einen “blinden Fleck” erzeugt, der ein besseres Verstehen dieser anderen Realitäten, die man gut als spirituell definieren kann, verhindert.   

 

Alle diese Arbeiten stehen im engen Dialog miteinander und bilden die zweite Phase der Arbeit der Künstlerin, bei der jetzt ein noch größere Sensibilität zu erkennen ist, die nahtlos eine formale Eleganz mit konzeptuellem Scharfsinn verbindet, um eine lyrisches Ensemble soziohistorischer Erzählungen zu spinnen. 

 

Rodolfo Kronfle Chambers

Guayaquil, Januar 2012

 

1 Jacques Derrida, Dem Archiv verschrieben. Eine Freudsche Impression. Freie Übersetzung ins Deutsche der von Paco Vidare ins Spanische übersetzten digitalen Ausgabe. 

 


 

 

 

AUSBILDUNG

1992-1997 Fakultät für visuelle Kunst der Universität Cuenca. Abschluss Bachelor in visueller Kunst 

 

EINZELAUSSTELLUNGEN

2009
"Ropa Sucia" Espacio Vacío, Guayaquil
"Ropa Sucia" Arte Actual, Quito

2008
"Golosinas", Salón del Pueblo (Casa de la Cultura), Cuenca
"Botica", Museo de Las Conceptas, Cuenca

2007
"Las Manos en la Masa", Stadtmuseum, Guayaquil

2006
"Las Manos en la Masa", Alliance Francaise, Quito
"Las Manos en la Masa", Galería Proceso, Cuenca

2005
"Prueba tu suerte", Instituto de Arte Contemporáneo, Cuenca

AUSZEICHNUNGEN

2005
 Décimo Salón de Artes Fundación El Comercio (10. Kunstsalon der Stiftung El Comercio) (Sonderpreis der Jury), Quito

Salón Mariano Aguilera 2005 (Würdigung der Jury) Quito

2004
Salón Mariano Aguilera 2004 (Dritte Erwähnung) 

Quito
Noveno Salón Nacional de Artes Fundación el Comercio (9. Kunstsalon der Stiftung El Comercio) (ehrenvolle Erwähnung) Quito

2003
Salón Nacional de Arte (Preis und offizielle Auswahl für die Teilnahme an der Biennale Cuenca)

2000
"Premio de París", Alliance Francaise, (Sonderpreis der Jury) Quito, Guayaquil, Cuenca, etc.


GEMEINSCHAFTSAUSSTELLUNGEN

2011
"Visiones sobre el paisaje", IN Arte Contemporáneo, Cuenca

"The use of everything" (contemporary drawing from Guayaquil), COCA Center on Contemporary Art, Seatle, EEUU

"Materia Prima", Atelier Subterranea. Bienal de Mercosul, Porto Alegre, Brasil
"Aire" Galería Patricia Meier, Guayaquil

2010
"Estilo Libre" Flacso, Quito

"Estilo Libre" Galeria Proceso, Cuenca

2009
"Play List 2007-2009 Grandes éxitos en el arte contemporáneo del Ecuador" Museo Municipal, Guayaquil.

"Play List 2007-2009 Grandes éxitos en el arte contemporáneo del Ecuador" Galeria Proceso, Cuenca
"Retrato Intimo" CIDAP, Cuenca

2008
"Solo con Natura", Residenz in Limoncito, Ministerio de Cultura / Aprofe, Provinz Guayas

2007
"En Construcción", Flacso, Quito

"Espacios Mínimos", Alliance Francaise, Quito

"Curare", Museo de la Ciudad, Quito

2004
VIII. Internationale  Kunstbiennale Cuenca

2003
"Seis artistas cuencanos", Galerie Madeleine Hollaender, Guayaquil

2002
"10 Novisimos" Salón del Pueblo / Casa de La Cultura, Cuenca

2001
Installation "Alimento" Museo de la Casa de la Cultura, Quito

"XX Aniversario del Museo Municipal de Arte Moderno", Cuenca

2000
"Hasta la vista, baby" (Verabschiedung der Währung Sucre) Pobre Diablo, Quito

1999
"Máquinas de dormir", Salón del Pueblo / Casa de La Cultura, Cuenca

1998
"El Objeto Escultórico en el Ecuador", Museo Municipal, Guayaquil

 

 


 

 

www.juanacordova.com